Ağıt – Türkische Klagelieder

Ağıt – Türkische Klagelieder

Ağıt – Türkische Klagelieder

Nicht in Büchern, sondern in Volksliedern findest du den Jemen,
die Verstorbenen, die Verbliebenen, die Fortgegangenen und nicht zurückgekommenen.

Kitaplarda degil, türkülerde ara Yemen’i.
öleni, kalani, gidip gelmeyeni.
Bedri Rahmi Eyüboglu

In jeder Periode der Geschichte geben positive, wie auch negative Ereignisse einer Nation die kulturellen Eigenheiten der Gesellschaft wider. In Mythen oder Epen werden Helden der Zeit gefeiert und bejubelt und tragen wesentlich zur Erschaffung einer kulturellen Identität bei. Die Ideale einer Nation werden durch die Erfolge und Taten ihrer historischen Ahnen übertragen. Dieser Umstand wirkt wie eine emotionale Bindung zwischen zwei Menschen und bildet den Charakter einer Nation.

Neben den Heldengeschichten, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit im positiven Sinne fördern, ist es das Gefühl von Trauer, Kummer oder Verzweiflung aufgrund eines negativen Ereignisses, dass ein emotionales Band innerhalb der Gesellschaft schafft. Diese Begebenheiten beschränken sich nicht nur auf historische Vorfälle, sondern können auch individuellen Geschehnissen zugrunde liegen.

In der anatolischen Kultur hat der Ağıt eine lange Tradition und ist fest verankert im sozialen Gefüge der Gesellschaft. Türkische Klagelieder setzen nicht ausschließlich historische Ereignisse voraus – vielmehr sind es Einzelschicksale, aus denen die große Masse an Klageliedern hervorgegangen sind und dessen Urheber weitestgehend anonym blieben. Der Verlust einer nahen Person, die Trennung von der Geliebten, der Abschied vom Sohn, der zum Militärdienst antritt, Naturkatastrophen – Themen, die weite Teile der türkischen Bevölkerung in Situationen, die das Gefühl von Furcht, Trauer oder Unglück hervorbringen, durch den Ağıt zum Ausdruck bringen und zu bewältigen versucht.

Die Ağıt Tradition ist unter den Turkvölkern tief verwurzelt und kann, als frühestes Beispiel, bis zu den „Orchon-Runen“ – das erste Alphabet, dass zur Verschriftung der Turksprachen verwendet wurde – zurückverfolgt werden. In den Orchon-Schriften als „Sıgıt“ oder „Sıgıtçı“ bezeichnet, unterschied sich die Bezeichnung des Ağıt’s innerhalb der türkischen Stämme: für Uiguren in Ostturkestan hieß es „Mersiye Verse„, für die Kiptschakisch (ein Dialekt des Türkischen) sprechenden Karatschaier im nördlichen Kaukasus ist es der „Küv„, die Kirkuk-Türken betiteln den Ağıt als „Sazlamağ„, während die Krim-Tartaren von „Taqmaq“ sprechen.

Um die kulturellen Werte eines Volkes zu verstehen, reicht es manchmal nicht die historischen Fakten aufzuzählen oder die Vorkommnisse wissenschaftlich zu dokumentieren. Der Ağıt ist ein Mittel die Ereignisse aus den Augen der Beteiligten zu sehen. Sie sind gewissermaßen Zeitzeugen. Sie sind Urkunden, die den historischen und emotionalen Kontext erst greifbar machen und zum besseren Verständnis beitragen, weil sie selten verfälscht sind und Momentaufnahmen darstellen.

Zu den prägendsten Ereignissen in der Geschichte der Türkei zählen zweifelsohne die Schlacht in den Dardanellen um Canakkale 1915 und der Befreiungskrieg zwischen 1919 und 1923. Es gibt vermutlich keinen Türken, der nicht mindestens einen Verlust aus dem nahen Verwandtenkreis zu beklagen hat. Entsprechend ist die Anzahl von Klageliedern der Hinterbliebenen groß. Diese Ağıt’s trugen wesentlich zur Herausbildung einer kulturellen Identität bei und sind weiterhin ein Teil des türkischen Alltags.

Eines der bekanntesten türkischen Volkslieder basiert auf einem Ağıt, dass den Ereignissen in der ehemaligen osmanischen Provinz Jemen zugrunde liegen. Nachdem die britische Streitmacht 1839 den Aden einnahmen und die Jemeniten gegen das osmanische Reich aufstachelten, entschied sich die Hohe Pforte die Aufstände 1871, 1889 und 1895 militärisch zu unterdrücken, musste allerdings enorme Verluste hinnehmen. Viele osmanische Soldaten verloren ihr Leben, so dass der Jemen für eine Reise ohne Rückkehr stand:

Havada bulut yok bu ne dumandır / Im Himmel ist keine Wolke zu sehen, woher dieser Rauch?
Mahlede ölü yok bu ne figandır / Es gibt keine Beerdigung, warum das Gestöhne?
Şu Yemen elleri ne de yamandır / Dieses Jemen ist so ungeheuerlich

Ano yemendir gülü çemendir / Das ist der Jemen, seine Rosen sind wie der Bockshornklee
Giden gelmiyor acep nedendir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, warum nur?
Burası Muş’tur yolu yokuştur / Das hier ist Muş, seine Straßen sind steil
Giden gelmiyor acep ne iştir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, weshalb nur?

Kışlanın önünde redif sesi var / Von der Kaserne kommen Stimmen der jungen Soldaten
Bakın çantasında acep nesi var / Schaut nach, was in ihren Taschen sind
Bir çift kundurayla bir de fesi var / Nur ein paar Schuhe und ein Fes

Ano yemendir gülü çemendir / Das ist der Jemen, seine Rosen sind wie der Bockshornklee
Giden gelmiyor acep nedendir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, warum nur?
Burası Muş’tur yolu yokuştur / Das hier ist Muş, seine Straßen sind steil
Giden gelmiyor acep ne iştir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, weshalb nur?

Mızıka çalındı düğün mü sandın / Die Harmonika spielt, dachtest du es sei eine Hochzeit?
Al yeşil bayrağı gelin mi sandın / Hieltest du die rot-grüne Flagge für eine Braut?
Yemene gideni gelir mi sandın / Dachtest du, dass die nach Jemen fortgehenden wieder zurückkehren?

Ano yemendir gülü çemendir / Das ist der Jemen, seine Rosen sind wie der Bockshornklee
Giden gelmiyor acep nedendir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, warum nur?
Burası Muş’tur yolu yokuştur / Das hier ist Muş, seine Straßen sind steil
Giden gelmiyor acep ne iştir / die Fortgegangenen kehren nicht zurück, weshalb nur?

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