Merkmale von türkischen Volksgeschichten

Merkmale von türkischen Volksgeschichten

Innerhalb der türkischen Literatur und dessen historischen Entwicklung haben Volksgeschichten (“Halk hikayeleri”) einen festen Platz eingenommen. Wenn auch nicht als klassische Literaturgattung etabliert, können sie ab dem 10. Jahrhundert als Übergang vom traditionellem Epos zur modernen Geschichtenerzählung angesehen werden.

Türkische Volksgeschichten

Volksgeschichten prägen die türkische Bevölkerung schon seit Jahrhunderten. Wir stellen euch in dieser Serie einige der wichtigsten Werke vor.

Volksgeschichten sind seit dem 16. Jahrhundert überwiegend von Aşık’s (poetische Volksliedsänger) – häufig mit dem Saz – vorgetragene Erzählungen, die keinem klassischen Schema unterworfen sind. Während die Darstellung zwischen Vers und Prosa abwechseln kann, ist sie, im Vergleich zum Epos, nicht zwangsweise dem übermächtigen Helden eines historischen Ereignisses verpflichtet. Vielmehr wird der Schwerpunkt auf schlichte Liebesgeschichten mit einem heroischen aber meist anonymen Protagonisten gelegt, die ein Bezug zum realen Leben und ein geschlossenes Ende haben. Die Tapferkeit der Hauptperson wird durch seine Bereitschaft zum Kämpfen, bis zur Eroberung der großen Liebe, dargestellt.

Die sozialen Beziehungen in Volksgeschichten handeln oftmals von Einzelschicksalen in einer bestimmten, gesellschaftlichen Schicht, d.h. es gibt keine außergewöhnlichen oder gar göttlichen Elemente wie im klassischen Epos. In seltenen Fällen werden auch reine Heldengeschichten oder religiöse Themen aufgegriffen. Volksgeschichten weisen eine eigene Logik auf, in der der Protagonist idealistische Wertvorstellungen vertritt, die ihn von der Masse abhebt und eine gewisse Naivität einräumt. Primär zielen Volksgeschichten auf die emotionale Berührung des Zuhörers ab und werden in entsprechender Form den mehrheitlich männlichen Zuhörern vorgetragen.

Der Stil in der Erzählphase ist eher einfach und nüchtern, wird allerdings immer wieder durch gesungene Volkslieder, die mit dem saz des Aşık’s musikalisch untermalt werden, emotionalisiert. In ihrer kürzesten Form – als Beispiel seien die “sergüzeşt” und die “kıssa” im Osten der Türkei genannt – dauert der Vortrag einer Volksgeschichte im kleinen Kreis 1-2 Stunden. Bei größeren Gruppen kann eine Volksgeschichte viele Wendungen enthalten und in mehreren nächtlichen Sitzungen auf 5-7 Tage ausgebaut werden. Die frühesten Beispiele, die in der türkischen Literatur als Volksgeschichte bezeichnet werden können (gleichzeitig aber noch Parallelen zu Epen aufweisen) sind die “Dede Korkut” Geschichten.

Die enorm große Anzahl an anatolischen Volksgeschichten entstammen aus diversen Quellen. Während ein Teil aus alt-türkischen Überlieferungen hervorgingen, sind andere aus aktuellen Begebenheiten oder anderen Kulturen abgeleitet worden. Dabei unterteilen sie sich in Geschichten, die ausschließlich in Anatolien erzählt werden und ebenjene, die in großen Teilen der türkischen Welt bekannt sind. Als Quellmaterial für Volksgeschichten können grob Epen, Anekdoten, Geschichten und Märchen bzw. Mythen beschrieben werden.

Epen & Sagen

Der Epos ist eine aus der Antike hervorgegangene Hauptform der Dichtung. Sie ist eine umfangreich geführte Sammlung von Erzählungen in Versform, dessen thematischer Mittelpunkt hauptsächlich mythologischer Natur ist. Sie beschreibt und würdigt einen übermenschlichen oder göttlichen Protagonisten und ehrt die besonderen Errungenschaften des Helden. Die Sprachform ist erhaben und wird verziert durch feierliche Beiworte.

Epen wurden nicht von einem Autor verfasst, sondern über mehrere Jahre hinweg zusammengetragen. Der “Dede Korkut” Epos aus der Oghusen-Zeit umfasst beispielsweise 12 Werke mit 300 Seiten, während der “Manaz” Epos der Kirgisen 90.000 Verse enthält. In der türkischen Welt gelten der “Oghusen” Epos, der “Ergenekon” Epos und die “Dede Korkut” Geschichten als die wichtigsten Werke.

Anekdoten

Bedeutende Ereignisse wurden innerhalb der Bevölkerung mündlich überliefert, aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und somit entfremdet wiedergegeben. Einige dieser Anekdoten wurden von unbekannten Autoren schriftlich festgehalten. Dabei fällt auf, dass, je länger das Ereignis zurückliegt, sich die tatsächlich vorgefallene Begebenheit umso mehr von der Realität distanziert und sie idealisiert wiedergibt.

In solchen Fällen können Anekdoten sogar in märchenhafte Geschichten ausschweifen. Die „Tevarih-i Al-i Osman“ (Geschichte der Osmanoğullar) werden als authentisch und realitätsnah beurteilt, da sie zeitnah verfasst wurden, während insbesondere einige Werke aus dem islamischen Zeitalter eher als Anekdote eingestuft werden. Hierzu zählen „Seyyid Battal Gazi„, „Cafer-i Tayyar“ und „Die Schlachten des Propheten Ali“.

Geschichten

Als Anerkennung für die zahlreichen türkischen Dichter, haben anonyme Autoren die Liebesgeschichten von traditionellen Aşık’s dramaturgisch ausgeschmückt und literarisch in Geschichten zusammengefasst. Einige Aşık’s sind diesem Usus nachgegangen und haben ihre eigenen Lebens- bzw. Liebesgeschichten festgehalten. Repräsentative Erzählungen, die aus der Feder von Saz-Dichtern entstammten und auch als Volksgeschichten durchgehen sind u.a. Köroğlu, Kerem ile Aslı oder Aşık Garip.

Märchen und Mythen

Märchen werden prosaisch vorgetragen und sind völlig befreit von jeglicher Religion, Aberglauben oder Bräuchen. Sie entspringen ausschließlich der Phantasie des Authors und haben auch sonst nicht den Anspruch reale Vorkommnisse wiederzugeben. Märchen müssen nicht zwangsweise Fabelwesen enthalten sondern können durchaus banal sein. Der wesentliche Unterschied zu Epen oder Sagen liegt um Umstand begraben, das Märchen bewusst als Phantasma dargestellt werden.

Mythen dagegen bewahren sich den Anspruch auf Realität. Sie werden in einer alltäglichen Ausdrucksform, eher einfältig und gerade heraus formuliert. Von der Intention ähneln sie dem Epos – entbindet man diese von ihrem Umfang und ihrem Stil, so erhält man eine nüchterne Betrachtungsweise eines historisch-kulturell wichtigen Ereignisses, die im Wesentlichen dem Mythos entspricht.

In den nächsten Teilen der Serie stellen wir euch einige der bekanntesten türkischen Volksgeschichten vor.

Literatur

  • Pertev Naili Boratav – Halk Hikayeleri ve Halk Hikayeciliği, 1946
  • Öcal Oğuz – Halk Hikâyeleri, 2008

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