Islamische Miniaturen

Islamische Miniaturen

Zu den klassischen Disziplinen der islamischen Dekorationskunst zählen die Miniaturen – Darstellungen von Figuren zwecks Verzierung von Manuskripten und wichtigen Dokumenten. In der langen Tradition der islamischen Miniaturmalerei wurden insbesondere Szenerien und besondere Ereignisse illustriert, aber auch wichtige Persönlichkeiten portraitiert.

Das Wort „Miniatur“ wird abgeleitet aus dem lateinischen Wort miniare und bedeutet „rot bemalen.“ Ursprünglich bezeichnete man die Hervorhebung von Überschriften in Büchern mit synthetischer Farbe als „minium“. Hieraus entwickelten sich mit der Zeit die sogenannten „Miniaturen“ – das Dekorieren von Texten. Frühe Beispiele von Miniaturmalereien können auf das 3. Jahrhundert zurückdatiert werden, nachdem im spätantiken Reich der Sassaniden ein Künstler Namens Mani ein Buch mit Miniaturen verzierte und interessierte Schüler unterrichtete.
Durch die in den Nahen Osten und Zentralasien auswandernden Schüler verbreitete sich die Miniaturmalerei binnen kurzer Zeit.

Herstellung und Komposition von Miniaturen

Im Zentrum einer Miniatur steht der Protagonist oder das thematische Objekt, der bzw. das zentral im Bild positioniert wird. Weitere Personen werden hierarchisch um diesen herum aufgestellt. Der Künstler achtet bei seinen Kompositionen besonders darauf, dass alle Objekte sichtbar und zwei-dimensional, also ohne perspektivische Verzerrung durch Einwirkung von Schattierungen, gemalt werden und somit keine Überschneidungen aufkommen. Durch schmückende Motive wie Bäume, Blumen oder Berge erhält die Miniatur den letzten Schliff. Soll das Bild vergoldet werden, so wird ein Blattgold-Gemisch aufgetragen und geglänzt. Anschließend wird das Bild durch einen Horizont in Form von Berg- oder Wolkenmotiven abgegrenzt.

Miniatur Maler müssen erweiterte Kenntnisse über die Tezhib Kunst – die Kunst der Dekoration – haben, da die künstlerische Fertigkeit und die Eleganz der osmanischen Miniatur auf Basis dieser angefertigt werden. Sämtliche Objekte werden durch spiralförmige Linien und vitale Farben im Tezhib Stil aufbereitet und verziert, wodurch den Bilder erst ihre einzigartige Lebendigkeit verleihen.

Heutzutage verwendet man chemisch aufbereitete Industriefarben und Papiere, dessen Lebensdauer allerdings begrenzt ist. Klassische Miniaturen wurden traditionell aus natürlichen Materialien gewonnen und die lange Haltbarkeit erklären.

Miniatur Malerei im osmanischen Reich

Unmittelbar nach der Islamisierung der Türken, griff die Kunst der Dekoration innerhalb der Seldschuken Dynastie über und erste Bücher aus den Themengebieten Medizin, Botanik und Astronomie – etwa die Marifat Al-Hiyal, Baytara oder Varta ve Gülsah, wurden mit Miniaturen verziert. In den nächsten jahrhunderten sollten verschiedene künstlerische Einflüsse auf die Miniaturmalerei einwirken.

In der frühen Phase der osmanischen Herrschaft können als Beispiele die im dafür vorgesehenem Kunstatelier („Nakishane„) des Edirne Palasts dekorierten Werke wie Külliyat-I Katibi oder Iskendername genannt werden. Diese waren nach klassischem Muster eher profan. Während der Herrschaft Fatih Sultan Mehmets im 15. Jahrhundert sind europäische Einflüsse unverkennbar, nachdem der Sultan vermehrt Portraitmaler aus Italien einlud. Hier sei der venezianische Künstler Mastori Pavli Daragoza genannt, der den Hofmaler des Sultans Sinan Bey in seinen Werken stark beeinflusste. So verliefen die Strukturen der Bildnisse nicht mehr ineinander, sondern wurden detailgetreu schattiert oder abgestuft.

Einflüsse der persischen Schule waren nach erfolgreicher Einnahme der Stadt Tebriz 1514 – das Kunstzentrum und die Hauptstadt der Safawiden Dynastie – zu erkennen, nachdem der damalige Sultan Yavuz Sultan Selim I. hochqualifizierte Handwerker und Künstler von dort nach Istanbul sandte. Diese Tradition hielt auch der Nachfolger Kanuni Sultan Süleyman (Süleyman der Prächtige) aufrecht, so dass seine Herrschaft nicht nur militärisch, sondern auch künstlerisch als Höhepunkt des osmanischen Reiches betrachtet wird. Unzählige Meisterwerke der Miniatur Kunst wurden innerhalb des Palastateliers von damals namhaften Künstlern wie Nigari Sinan Bey oder Matrakci Nasuhi angefertigt – Portraits vom Sultan, Bilder der Stadttore und der Häfen, Dekorationen der Manuskripte „Sefer-i Imkey-i“ (Bagdad Feldzug) und „Süleymanname“ (Westliche Expeditionen und Lebenswerk des Kanuni Sultan Süleyman) sind nur einige Beispiele der vielfältigen Miniaturen im türkischen Stil.

In den folgenden Herrschaftsperioden unter Sultan Selim II. sowie Sultan Murat III. erblühte die Miniatur-Malerei zu besonderem Glanz. Werke wie die „Hünername“, „Sürname“ oder „Sehinsahname“, welche die Triumphe der osmanischen Armee, spezielle Zeremonien oder wichtige Ereignisse darlegten, wurden mit Dekorationen im Miniatur Stil veredelt. Besondere Erwähnung verdient hierbei die 6-bändige „Siyer-Nebi“ –  ein Werk, dass das Leben des Propheten Mohammed dokumentiert.

Miniaturen, die für das 17. und das 18. Jahrhundert kennzeichnend waren, sind unter anderem das „Falname“ von Kalender Pasa, das „Sahneme-i Nadiri“ des Historikers Nadiri, die „Tercüme-iseka’ik Nu’maniye“ von Taskoprülüzade sowie die Miniaturen von Levni. Dessen Arbeiten, wie die „Surname“ oder die „Silsilename“, beinhalten diverse soziale Gruppen in traditionellen Trachten oder Portraits der Sultane und geben im Sinne eines dokumentarischen Bildbands Aufschluss über die Gewohnheiten der damaligen Bevölkerung.

Auffällig in Levni’s Werken ist der Einfluss des westlichen Kunstverständnisses, die im 18. Jahrhundert auf verschiedene Kunstarten islamischer Herkunft eingewirkt haben. Klassische profane Miniaturen wurden durch detaillierte Zeichnungen in Kompositionen von Licht und Schatten nahezu ersetzt. Durch den Einsatz von Öl- und Aquarellfarben, verlor die Bebilderung von Büchern an Wert und Zeichnungen bzw. Malereien verzierten künftig immer mehr die eigenen vier Wände. Heutzutage versuchen Künstler wie der bereits verstorbene Prof. Dr. Süheyl Ünver die klassische Miniaturmalerei erneut aufleben zu lassen. Dieser hatte in einem aufwendigen Projekt die Historie der traditionellen Miniaturen erforscht und in speziellen Ateliers weitergelehrt. In verschiedenen Universitäten werden zusätzliche Kurse gegeben, um das Wiederaufblühen der Miniatur Malerei zu gewährleisten.

Literatur

  • Filiz Cagman & Zeren Tanindi – „Topkapi Sarayi Islam Minyatürleri“, 1979

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1 Comment

  • Prof. Dr. Terukazu Takahashi
    2 Jahren ago

    Es waere sehr nett von Ihnen, wenn Sie mir die Geschichte von
    ‚Güstasb Kampf gegen Drachen‘ mitteilen koennten.
    Hat das mit St. Georgs Kampf gegen Drachen etwas zu tun?

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