Hüsn-I Hat – Die islamische Kalligraphie

Hüsn-I Hat – Die islamische Kalligraphie

Hüsn-I Hat – Die islamische Kalligraphie

Der Begriff “Hat” entstammt dem Arabischen und bedeutet frei übersetzt “schreiben”, “Linie” oder “Weg”. Sinngemäß wird der Begriff “Hüsn-i Hat” als das Schönschreiben der arabischen Schrift durch ästhetisches Verzieren verwendet und seit Jahrhunderten praktiziert. Obwohl die Hüsn-i Hat bereits vor dem Auftreten des Islam’s ein Bestandteil der arabischen Lebensweise war, kultivierte sie sich binnen kürzester Zeit zu einem gemeinsamen Kulturgut aller islamisch geprägten Völker.

Untersuchungen ergeben, dass die Ursprünge der arabischen Schrift sich aus dem phönizischen Alphabet entlehnen und vermutlich ein direkter Nachfolger der nabatäischen Schrift sind. Der Vorgänger der klassischen arabischen Schrift “Cezm” hat sich im 7. Und 8. Jahrhundert in Mekka und Medina entfaltet. Nachdem Ali bin Ebu Talib, der vierte islamische Kalif und Schwiegersohn des Propheten Mohammeds, die Stadt El Kufe zum Zentrum des islamischen Kalifats kürte, wurde die arabische Schrift fortan überregional, bis tief in die Regierungszeit der Abbasiden, als “Kufi” bezeichnet. 150 Jahre nach dem Herrschaftsantritt der Abbasiden wurde die “Kufi” schließlich durch den Wesir von Bagdat Ibn-Muqle – zugleich ein begnadeter Kalligraph – reformiert. Durch seine umfangreichen Kenntnisse über Geometrie und Typografie, standardisierte Ibn-Muqle die arabischen Buchstaben und fügte einfache Zeichen mit festen Regeln zur Vereinheitlichung sowie Verzierung hinzu.

Die Schreibweisen

Infolgedessen etablierten sich sechs Basis-Schreibweisen (Muhaqqaq, Raihan, Thuluth, Nasch, Tauqi und Riqa), die im 11. Jahrhundert durch den arabischen Kalligraphen Ali B. Hilal notiert und gemeinsam als “al-Aqlam as-sitta” bezeichnet wurden. Innerhalb der folgenden 200 Jahre haben vor allem arabische Kalligraphen die Hüsn-i Hat vervollständigt und wurden schließlich, nach dem Ende der Abbasiden-Dynastie 1258, durch türkische und persische Künstler abgelöst. Während persische Pendants die al-Aqlam as-sitta ihren eigenen Vorstellungen entsprechend niederschrieben, perfektionierten osmanische Kalligraphen die Schrift als hohe Schule der Kunst. Nach der Eroberung Istanbul’s 1453 durch die Osmanen, etablierte sich die Metropole zum Zentrum der islamischen Kalligraphie. Dieses Niveau führte zur Entstehung des Sprichworts:

Der heilige Koran wurde in Mekka offenbart, in Ägypten rezitiert und in Istanbul geschrieben.

Türkische Kalligraphen

Şeyh Hamdullah gilt als der Urvater der türkischen Kalligraphen und hat besonders den Schreibweisen Thuluth und Nasch eine vollkommene Schönheit verliehen – so hat sich speziell die Naschi-Schrift im Alltag durchgesetzt und fortan für die Verschriftlichung des heiligen Koran’s verwendet, während die Thuluth als Verwaltungsschrift vorgezogen, später allerdings durch die Diwani-Schrift ersetzt wurde. Während Nachfolger Şeyh Hamdullah’s wie bspw. Hafız Osman besonderen Wert auf Authentizität legten und bei der Verbreitung des Thuluth’s bzw. Diwani’s enormen Anteil hatten, waren es die Gebrüder Ismail Zühdü und Mustafa Rakim, die im 19. Jahrhundert eine eigene, weitaus kompliziertere Form der Thuluth und Nasch konzipierten – die Celi-Diwani-Schrift. Dessen Komplexität wurde bewusst so gewählt, um die Fälschung offizieller Dokumente zu erschweren.

Utensilien und Verwendung

Das Kalligraphieren verläuft grundsätzlich von rechts oben nach links unten. Als Schreibutensilien verwendet man Rohrfedern aus Bambus – die sogenannte “Qalam” – mit unterschiedlich schrägen bzw. breiten Spitzen. Auf der Innenseite befindet sich eine eingeschliffene Rille zur gleichmäßigen Verteilung der Tinte. Anfänger benutzen alternativ einen Filzstift mit einer geraden, breiten Spitze, die häufig schräg angeschnitten wird. Üblich sind auch Stahlfederhalter.

Die Hüsn-i Hat wird zu verschiedenen Zwecken verwendet. Neben dem Koran und dem klassischen Buchdruck, wurden u.a. Platten mit Aussagen des Propheten kalligraphiert und häufig mit einem verzierten Rahmen versehen, Moscheen, Brunnen sowie Büchereien mit Hadithen des Propheten bemalt oder als Tugra – individuell kalligraphierte Stempel der Sultane – verwendet. Heutzutage wird die Hüsn-i Hat auch gerne als Vorlage für Geschenkartikel (wie z.B. mit lateinischen Buchstaben kalligraphierte Teller und Schlüsselanhänger) oder von Grafikern digitalisierte arabische Typografien benutzt.

Literatur

  • Ghazi Al Delaimi – Arabische Kalligraphie für Einsteiger, 2006
  • Dr. Süleyman Berk – Hat San’ati – Tarihce, Malzeme ve Örnekler, 2006

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