Das historische Istanbul in der Photographie

Das historische Istanbul in der Photographie

Das historische Istanbul in der Photographie

Die ersten Motive früher Reisephotographen beschränkten sich zunächst auf die ungewohnten Aussichten Istanbuls, die nur wenige Ähnlichkeiten mit europäischen Städten des 19. Jahrhunderts aufwiesen. Die anatolischen Landschaften, die Küsten Istanbuls, das malerische Bild der Segelboote im Goldenen Horn und die emporragenden Minaretten waren exotische Panoramen, die für die Sehgewohnheiten der Europäer eher als fremd einzustufen waren.

Das Osmanische Reich beherbergte unzählige archäologische Anlagen und Ruinen, die aus alten, die Weltgeschichte prägenden Zivilisationen wie den Römern oder Byzantinern übrig geblieben waren. Für Wissenschaftler und Interessierte bildeten sie einen Fundus von Schätzen, dessen Erforschung einerseits neue Erkenntnisse über die kulturelle Entwicklung der Menschheit geben sollte und andererseits eine Möglichkeit darbot, die bis dato isolierte islamische Welt zu enträtseln. Römische Aquädukte, byzantinische Brücken oder osmanische Moscheen wurden Stück für Stück eruiert und photographiert.

Istanbul Fotografie

In dieser mehrteiligen Serie durchleuchten wir die historische Entwicklung der Fotografie in Istanbul – mit vielen historisch wertvollen Fotografien und diversen Hintergrundinformationen.

Istanbul war während der Erschließung des Orients zunächst nur eine Station zu den eigentlichen Zielgebieten Kairo, Karnak oder Beirut. Die Zwischenstopps an wichtigen Hafenstädten ermöglichten es den Reisenden historische Stätten an der Ägäis zu betrachten. Die Überreste alter Kulturen wie den Ioniern, Römern oder den frühen Phrygiern in Izmir und Ephesos waren ebenso beliebte Ziele wie das Gebiet um das Marmarameer und insbesondere Istanbul als neues Zentrum der osmanischen Kultur und seiner islamischen Baukunst.

Architektonische Bauten

Die architektonische Gestaltung der Stadt Istanbul bildete ein komplett konträres Bild zu ihren Pendants im Abendland. Bauten nach islamischer Architektur entwickelten sich schnell zu begehrten Motiven der Reisephotographen. Neben der berühmten ‚Blauen Moschee‘ (‚Sultan-Ahmed-Moschee‘), welche den Namen in Anlehnung an dessen Verzierungen mit blau-weißen Fliesen an der Kuppel erhielt und durch ihre sechs Minaretten zu beeindrucken wusste, und der ‚Hagia Sophia‘ (‚Aya Sofya‘) Moschee, dem ehemaligen religiösen Mittelpunkt der Orthodoxie, waren es insbesondere Villen reicher und berühmter Einwohner, die in der Auswahl der Photographien vorzufinden waren.

Auf der Beliebtheitsskala weit oben standen außerdem die verschiedenen pittoresken Brunnen, Paläste wie das ‚Topkapi-Palast‘ (ehemaliger Wohn- und Regierungssitz der Sultane sowie das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches) und sogenannte ‚Türben‘, architektonisch besonders prachtvoll geschmückte muslimische Mausoleen oder Grabstätten.

Straßenszenen, Basare und Kaffeehäuser

Als zusätzliches Element kamen die Aufnahmen von belebten Straßenszenen hinzu. Nachdem westliche Reisende ihre Befangenheit weitestgehend ablegten und in der islamischen Welt eine gewisse Vertrautheit aufbauen konnten, lenkten sie ihre Kameras zielgerichtet und unverbindlich auf die einfache Bevölkerung. Verschiedene Basare, Gassen oder Märkte in der Nähe der berühmten Sehenswürdigkeiten ersetzten die sonst exakt proportionierten aber menschenleeren Motive.

Basare und Märkte fand man stets im Zentrum jeder orientalischen Stadt vor. Sie waren auf beiden Seiten der Straße geschmückt mit Spezialitätenläden, Juwelieren, Goldschmieden, Teppichhändlern und Tuchhändlern, in denen jeder ‚Typ‘ Orientale vertreten war. In ihr reihten sich viele dem Orient zugeschriebene Motive. Exotische Früchte wie Granatäpfel, Kirschen und Weintrauben, sowie Wahlnüsse, Mandeln oder Feigen. Speziell Luxusgüter wie Gewürze, Düfte und Teppiche repräsentierten seit dem Mittelalter den Orient. Das Arrangement vieler Bildkompositionen beinhaltete häufig eines dieser Objekte und war schon bald für nahezu jeden Orientphotographen ein wesentlicher Bestandteil ihres Repertoires.

Die oftmals in der Nähe der Basare platzierten Kaffeehäuser, in der man die Wasserpfeife rauchen und orientalischen Tee trinken konnte, erfreuten sich bei Photographen ebenfalls großer Beliebtheit. In diesen zahlreich vorhandenen Etablissements wurden außerdem Schattentheater, das sogenannte ‚Orta Oyun‘, gespielt, Bücher gelesen und ‚Meddah‘-Erzählungen abgehalten. Die ‚Meddahs‘ lebten von ihren mimischen Fähigkeiten und ihren humorvollen, gleichzeitig auch sozialkritischen, Erzählungen. Sie waren ein fester Bestandteil der türkischen Kaffeehauskultur und oft vertreten in photographischen Aufstellungen.

Frauen in der Öffentlichkeit

Dass sich in diesem Umfeld größtenteils nur Männer aufhielten verstärkte allerdings das Klischee, orientalische Frauen trügen nur wenig dem gesellschaftlichen Leben bei und seien in ihrem Schleier eingesperrt. Tatsächlich zeigten insbesondere Frauen der Oberschicht, sowohl Muslimische als auch Christliche, nur wenig Aktivität in der Öffentlichkeit. In Istanbul fuhren sie daher häufig entweder in einem Fortbewegungsmittel, die einer Rikscha gleichte (‚Taht-i Revan‘) oder wurden auf einem Tragestuhl (‚Sedan sandalyesi‘) transportiert.

Einen Blickfang für photographische Objektive schufen die mit Zypressenbäumen aneinandergereihten muslimischen Friedhöfe. Die Grabsteine der Verstorbenen wurden mit Versen aus dem Koran geschmückt und mit einem Turban (bei männlichen Gräbern) oder einer Rose (bei weiblichen Gräbern) erkenntlich gemacht. Abends verwandelten sich viele muslimische Friedhöfe in einen ‚inoffiziellen‘ Basar. An besonderen Feiertagen wurden sogar Konzerte abgehalten.

Das ‚Goldenen Horn‘

Zwischen dem ‚Goldenen Horn‘, Péra und dem asiatischen Teil Istanbuls bildeten die Boote, welche die Bevölkerung und die Touristen von Ufer zu Ufer beförderte, besonders beliebte Motive. An beiden Küsten entlang zierten bunte Promenaden die Aussicht der westlichen Reisenden. Der Anblick, der in das Meer mündenden Bächer, war so beliebt, dass die Europäer den asiatischen Teil am Göksü-Bach als ‚Eaux douces d’Asie‘ (‚Asiatisches Süßwasser‘) und den europäischen Teil am Kagithane-Bach als ‚Eaux douces d’Europe‘ (‚Europäisches Süßwasser‘) bezeichneten.

Das reflektierte Bild Istanbuls variierte in den persönlichen Interpretationen des Photographen. Akkurat in den Arrangements und weitestgehend die individuelle Auffassung vermeidend, wechselten sich die Motive zwischen wissenschaftlicher Faktizität und nüchterner Neugier. Die Photographien waren geprägt von einer direkten und klaren Lesbarkeit, die teilweise von jeglichem künstlerischen Anspruch befreit wiedergegeben wurden.

Literatur

  • Engin Özendes – Osmanli Imparatorlugu‘nda Fotografcilik (1839-1919) : Photography in the Ottoman Empire (1839-1919), 1995

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