Von der Kindererziehung

Von der Kindererziehung

In der anatolischen Kultur wird die Kindererziehung begleitet von diversen Sitten, Bräuchen und Praktiken. Dabei sollen insbesondere die familiären Werte und Moralvorstellungen entsprechend der elterlichen kulturellen Eigenheiten genormt und geformt werden. Hierbei kann sich das allgemeine Kulturgut manchmal nur in Nuancen unterscheiden, häufig aber auch wesentlich. Im Folgenden werden allgemein gültige Traditionen vorgestellt, die heute noch bei, teilweise auch in Deutschland ansässigen, türkischen Familien ihre Gültigkeit bewahren.

Sitten und Bräuche

In dieser Serie stellen wir euch einige der vielfältigen kulturellen Sitten, Bräuche und Traditionen vor.

Namensgebung

Die Vergabe des Namens wird häufig in Begleitung von religiösen Ritualen vorgenommen. Als frühester Berührungspunkt mit dem Islam, hat sie eine besondere Stellung bei der Erziehung des Kindes. Der feierliche Akt soll durch einen Hoca, ein islamischer Gelehrter, oder einem als besonders religiös bekannten Nachbarn oder Familienmitglied legitimiert werden. Dabei beginnt das Ritual mit dem “Ezan” – der traditionelle Aufruf zum Gebet – und wird abschließend mit dem Flüstern des Namens in das Ohr des Säuglings beendet. Falls kein Hoca anwesend ist, kann auch der Vater oder der Großvater den Ritus übernehmen.

Üblich ist außerdem die Vergabe eines “Nabelnamens” (“Göbek ad”). Während der Durchtrennung der Nabelschnur erhält der Säugling einen Zweitnamen. Hierbei handelt es sich um einen islamischen Akt – es heisst, dass jeder Muslim nach seinem Tode mit seinem “Nabelnamen” gerufen wird.
In ländlichen Gegenden oder besonders traditionellen Familien kann das Kind zusätzlich einen Spitznamen erhalten.

Muttermilch

Das Stillen des Babys ist bekanntlich die gesündeste Säuglingsnahrung und enthält viele wertvolle Inhaltsstoffe. Unter muslimischen Türken wird nach allgemeiner Tradition die Muttermilch erstmals nach drei Ezan Intervallen gegeben. Dies wird mit dem Glauben rechtfertigt, dass das Kind künftig einen geduldigen Charakter nach sich zieht. Verweigert der Säugling die als “ağız” bezeichnete Aufnahme der ersten Muttermilch, so würde er in der Folge einen eher schwachen Charakter besitzen. Traditionell werden Jungen öfter gestillt als Mädchen. Begründet wird dies mit dem Wunsch der Eltern, dass der Junge mit einer starken Persönlichkeit gesegnet werden solle.

Der erste Zahn

Bei der biologischen Entwicklung des Kindes spielt der erste Zahn eine wichtige Rolle und wird mit einem feierlichen Akt gewürdigt. Das Ritual als solches wird, je nach Gebiet und Abstammung, als “diş hediği”, “diş aşı”, “diş bulguru” oder “diş buğdayı” bezeichnet. Erstmals wird das Kind in der Lage sein, die eingenommene Nahrung zu zerkauen und zu verkleinern. Durch die Festivität soll das Essen geehrt und das Kind gesegnet werden. Man hofft auf eine Begünstigung im weiteren Lebenszyklus des Kindes. Während der Zeremonie werden außerdem weitere Bräuche gepflegt, die eine gesunde Entwicklung der Zähne gewährleisten sollen.

Die ersten Worte

Wenn das Kind sich beim Sprechen verspätet, kommen verschiedene kulturell bedingte Lösungsansätze zum Einsatz. Der Prozess kann in drei Stufen eingeteilt werden. So wird in der ersten Phase das Kind zu Besuch mitgenommen, in der Hoffnung, dass die Anwesenheit weiterer Kleinkinder das Sprachorgan “wie einen Schloss” öffne. Eine weitere, mittlerweile kaum noch angewendete Methode, ist das Einschneiden des Zungenbändchen durch einen Arzt. Als Letztes kann das Kleinkind, bei besonders extremen Fällen, durch einen Hoca mit islamischen Gebeten “belesen” werden.

Schutz vor bösen Blicken

In islamischen Ländern und besonders in Anatolien ist der Glaube an böse Blicke – im Volksglauben als “nazar” bezeichnet – besonders verbreitet. Vornehmlich Kinder, so glaubt man, sind von der negativen Energie einer nicht weiter spezifizierbaren Aura gefährdet. Interessanterweise sind sich die Bräuche, die gegen den bösen Blick vorbeugen sollen, über Jahrhunderte in nahezu identischer Form erhalten geblieben. So sollen, neben dem obligatorischem “nazar boncuk” (blauen Perlen mit einem weißen Auge), rituelle Gebete sowie religiöse Zeremonien den Fluch abwenden.

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