Entwicklung der Kultur in Anatolien

Entwicklung der Kultur in Anatolien

Entwicklung der Kultur in Anatolien

Glaubt man den aktuellen Forschungen, so haben die klimatischen Bedingungen vor 11.000 Jahren erstmals die Sesshaftigkeit der damaligen Völker ermöglicht. Die frühesten uns bekannten Siedlungen entstanden in Anatolien um die Gegend der heutigen Südost Provinz Elazig / Cayönü.

Sitten und Bräuche

In dieser Serie stellen wir euch einige der vielfältigen kulturellen Sitten, Bräuche und Traditionen vor.

Das natürliche Verlangen nach Schutz vor Gefahren und Umwelteinflüssen wird als eines der messbaren Faktoren für den Bau von Unterkünften angesehen. Gleichzeitig sollte eine Behausung den Überlebenskampf der eigenen Spezies sowie den Fortpflanzungstrieb dauerhaft erhalten, weshalb die Unterkünfte insbesondere in der Nähe von Wasser und nährhaftem Boden gebaut wurden.

Der Kampf gegen natürliche Feinde resultierte schließlich in der Anpassung der menschlichen Spezies zu ihrer Umwelt, welches wiederum die Nutzung der natürlichen Ressourcen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zur Folge hatte. Gleichzeitig förderte sie komplexere Formen der nutzbaren Werkzeuge für den eigenen Haushalt und eine wesentlich effizientere Integrationsgabe in die sich stets wandelnden Umstände. Diese Betrachtungsweise ermöglicht uns konkrete Vorstellungen von dessen, was uns heute als “Brauch”, “Usus” oder “Tradition” bekannt ist.

Während dieser Anpassungszeit haben sich einige Menschen auf bestimmte Strukturen und Aufgaben spezialisiert, die nicht nur die Gesellschaftsfähigkeit des Kollektivs förderten, sondern auch soziale Beziehungen in gewissem Maße vereinheitlichte bzw. planten. Betrachtet man dies in Bezug auf die Lebensweise der anatolischen Völker und stellt sie in Relation zu der religiösen, abergläubischen und traditionellen Praxis innerhalb der eigenen vier Wände, erkennt man Verhaltensweisen die, manchmal wissentlich und manchmal unwissentlich, erste kulturelle Eigenheiten bildeten.

Diese Lebensform prägte schließlich über Generationen den gesamten Lebenszyklus der sich gesamtheitlich ausbreitenden anatolischen Kultur und hat sich über Jahrhunderte gefestigt. Noch heute kann man in der modernen Gesellschaft diverse Volksbräuche verfolgen:

In den alten anatolischen Unterkünften hat man während der Auswahl der Ortschaft, sowie während des Hausbau’s und des -einzugs auf verschiedene religiöse und den eigenen Glaubensprinzipien entsprechende Handlungen und Bräuche zurückgegriffen – die tierische Opfergabe und das Begiessen des Hausfundaments mit dessen Blut zum Schutz gegen Unheil oder das Eingraben einer Münze in ebenjene, um symbolisch die Eigentümerschaft der Unterkunft zu untermauern, sind nur einige Beispiele.

Ein wesentlicher Bestandteil der alten archaisch geprägten anatolischen, aber auch türkischen Kulturen war verbunden mit dem Feuer – ein mittlerweile unvermeidliches Werkzeug zum Lebenserhalt der Ansässigen. Entsprechend basieren viele traditionelle Gepflogenheit auf diesem Grundelement: das Anfeuern und Heizen des Ofens durch den Hausältesten, das Löschen der Glut mit Wasser und nicht mit Asche (aus Furcht vor Unglück) oder das Verbot, Haare und Fingernägel im Ofenfeuer zu verbrennen.

Diese und ähnliche Praktiken konnten in verschiedenen anatolischen Regionen ermittelt werden und haben für die damaligen Verhältnisse bestimmte Funktionen übernommen, um die Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Mit der Zeit haben sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und wurden auf konventionelle Art zu einem (religiösen) Usus abstrahiert.

Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Verhaltensformen, wie etwa die Unantastbarkeit der Intimität- bzw. Privatzone, welches durch das fast schon sakrale “Übertreten der Türschwelle” charakterisiert werden kann – jemand der an einer Türschwelle sitzt gilt noch heute als unheilvoll. Oder der Glaube daran, dass sich hinter verschlossenen Türen oder unter Treppen böse Geister verbergen. Ursprünglich aber sollten durch diese Verbote das Zustellen von begehbaren Zonen unterbunden werden.

Die Heiligkeit der eigenen vier Wände können durch folgende Beispiele noch präziser verdeutlicht werden; der Bau eines Hauses auf einer ehemaligen Grabstätte wurde als Zeichen von Unglück wahrgenommen – man glaubte an den Verlust des eigenen Guts oder dass die Nachkommen mit körperlichen Einschränkungen zur Welt kämen. Fand man während der Bauphase ein solches Grab, wurde das Haus an anderer Stelle weitergebaut.

Der Glaube daran, dass vor dem Sonnenaufgang ein Engel die rechte Seite der Türschwelle bewache, während der Teufel auf der linken Seite um Eintritt warte, gehört ebenfalls zu den Traditionen, die bis heute fortwähren. Öffne man die Türe mit Gottes Namen (“besmele”), so würde der Engel den Tagesablauf positiv beeinflussen. Ungeputzte Wohnungen würden von bösen Geistern besucht und dreckiges Geschirr von ebenjenem beschmutzt. Diese und ähnliche Anwendungen sind ein Beispiel für die Beeinflussung bzw. Einhaltung von hygienischen Vorschriften, die durch religiöse oder abergläubische Reglements legitimiert werden sollten und noch heute rituell weiter ausgelebt werden.

Segen (“bereket”) und Fülle (“bolluk”) sind wichtige Begriffe in der anatolischen Kultur. Nach dem Abendgebet ist es verboten Feuer, Hefe oder Salz aus dem Haus zu tragen, da ansonsten der Haussegen einbüße. Donnerstags die Wäsche zu waschen ist ein Vorbote für Reichtum, während selbiges an einem Freitag den Verlust des Haussegens andeute. Nach der Fertigstellung des Hauses oder nach einem Umzug ist es Usus zunächst Mehl, Mais und Reis einzuquartieren – dies soll die Fülle und den Segen begünstigen.

In dieser und ähnlicher Form sind diverse Traditionen, Konventionen, Sitten und Bräuche in das alltäglich Leben eingeflossen, dessen Ursprünge teilweise gänzlich in Vergessenheit geraten sind. In den folgenden Teilen der Serie “Türkische Sitten & Bräuche” werden wir auf Beispiele von bedeutenden Lebensabschnitten eingehen.

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