Askerlik – Vom Wehrdienst

Askerlik – Vom Wehrdienst

Das Ableisten des Wehrdiensts wird in der türkischen Gesellschaft als eine heilige Pflicht gewertet. Als Soldat für das Vaterland einzustehen gilt als eine noble und ehrenvolle Tugend und läutet den Übergang vom Jugendlichen zum Mann ein. In der Türkei wird das Militär, symbolisch zur Huldigung der muslimischen Türken, die im Befreiungskrieg für ihr Land und ihre Religion gekämpft haben, als „Peygamber ocaği“ („Heim des Propheten“) bezeichnet.

Sitten und Bräuche

In dieser Serie stellen wir euch einige der vielfältigen kulturellen Sitten, Bräuche und Traditionen vor.

Ebenso wie in anderen Lebensabschnitten einer traditionellen türkischen Familie, wird der Wehrdienst von zahlreichen Sitten und Bräuchen begleitet.  Insbesondere die Verabschiedung und die Rückkehr sind geprägt von Feierlichkeiten und Gepflogenheiten, die sich von Gebiet zu Gebiet minimal unterscheiden.

Ein allgemein ausgeführter Usus ist die Einladung zum Essen durch Verwandte und Bekannte, nachdem der Jugendliche seinen Einberufungsbrief erhalten hat. Diese Einladung betrifft üblicherweise ausschließlich den Anwärter, während die Familie außen vorgelassen wird. Mit diversen Festigkeiten und Bräuchen wird das Zusammentreffen gewürdigt und sich verabschiedet.

In der ostanatolischen Stadt Kars beispielsweise wird dem Anwärter Taschengeld sowie Gebäck zum Abschied überreicht, in Silifke, einem Vorort von Mersin, lädt der künftige Soldat am Vorabend der Abreise seine Freunde ein und spielt „Mengi“ – ein volkstümlicher Tanz mit langer Tradition. Abschließend wird dem Anwärter sogenanntes „Glücksgeld“ in die Taschen zugeschoben. In Ankara / Kızılcahamam wird der Betroffene, als Motivation und Gegenleistung zum „Glücksgeld“, aufgefordert, im Namen des Stifters „Wachdienst abzuhalten“. Als Einstimmung für schwierige Zeiten muss der Anwärter in Eskişehir / Seyitgazi Brennholz für die Behausung seiner Verlobten hacken.

In Konya / Seydişehir teilen die Frauen das vorbereitete Gebäck in drei. Ein Teil wird als Futter für freilebende Tiere in den Fluß geworfen, das zweite Drittel in das Hemd des Jugendlichen eingewickelt und verstaut (bei jedem Urlaubsbesuch erhält er einen Teil davon), der Rest wird ihm als Reiseproviant eingepackt. Nach erfolgter Abreise treffen sich die Frauen zum gemeinsamen Essen, verzichten allerdings auf Holzbesteck – es heißt, dass die Verwendung von Holzbesteck viel Prügel beim Militär zur Folge habe.

Neben diesen zahlreichen Bräuchen zum Abschied des künftigen Soldaten, wird seine Rückkehr nach abgeschlossenem Wehrdienst durch vielfältige Sitten gefeiert. Beispielhaft sei das „Soldaten Henna“ in Mersin / Silifke genannt, dass den Besuchern des Wiederkehrenden aufgetragen wird.

Eines der reichhaltigsten Bräuche während des Wehrdienstes sind die „Soldatenbriefe“, in der die Soldaten Ihre Sehnsucht zum Ausdruck bringen. Trotz der Tatsache, dass im Zeitalter der Medien weitaus schnellere Kommunikationstechnologien vorhanden sind, wird dem persönlichen Brief ein höherer Wert beigemessen. Die Besonderheit dieser Briefe liegt häufig darin, dass durch Einsatz von Chiffre-ähnlichen Formulierungen – etwa aus Schamgefühl vor der Familie der Verlobten bzw. Ehefrau-, häufig poetische Schreiben entstehen, die eine ganz besondere Erinnerung darstellen. Briefe stellen gewissermaßen ein Gemeingut dar, die für die ganze Familie oder sogar für das ganze Dorf bestimmt ist.

Yürü mektubum yürü / Lauf mein Brief, lauf
Haberini al da gel / Hol deine Nachricht und komm zurück
Bir iken iki olduk / aus eins wurden zwei
Üç olduk mu sor da gel / frage, ob es drei werden

Durch diesen Vierzeiler versucht der Soldat, wohlwissend, dass nicht nur die betreffende Person den Brief liest, seiner Ehefrau zu entlocken, ob sie schwanger ist.

Traurige Realität sind ferner die zahlreichen „Şehit mektubu“ („Märtyrer Briefe“). Hierbei handelt es sich um Briefe von häufig in Krisengebieten im Südosten der Türkei stationierten Soldaten, die in Kampfhandlungen verwickelt waren und gefallen sind. Dieses Thema werden wir in einer gesonderten Artikelserie vertiefen.

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