Ayse Tasci – Caprasik / Verwickelt

Ayse Tasci – Caprasik / Verwickelt

Die Wahrnehmung des Kopftuchs wird beeinflusst von Suggestionen, denen man medial nahezu täglich ausgesetzt wird. Allein der Blickwinkel bestimmt häufig das Urteil, dass, nicht selten durch unbewusst-negative Assoziationen, den Betrachter in Manipulationen und Widersprüche verwickelt. Ayse Tasci-Steinebach versucht in Ihrer Ausstellung „Çapraşık“ diesen Disput zu verbildlichen.

Steckbrief

Name Ayse Tasci
Beruf Fotografin
Website www.aysetasci.de

Die Fotografin Ayse Tasci

Als Ayse Tasci mit 21 Jahren aus der ägäischen Stadt Aydin nach Deutschland kam, war Sie verdutzt über die Reaktionen Ihrer Liberalität. Aufgewachsen in einer Großfamilie mit 9 Geschwistern, wurde Sie mit Fragen über das Kopftuch und Religion konfrontiert. Dabei war es Ihr nie ein Anliegen, Religion und Glaube zu thematisieren. Der schwierige Umgang mit dem Kopftuch war Ihr bereits aus der Türkei bekannt. Der Versuch, Ihr – mitten im Europa der Demokratie und Freiheit – eine Entscheidung oder Unterordnung in klassische Denkmuster der Mehrheitsgesellschaft aufzudrängen, ermutigten Sie der Frage nachzugehen: „Wie fühlen Frauen, die sich verhüllen? Wie kann man den Disput visualisieren?

An der Marmara Universität in Istanbul hatte Sie bereits mit dem Fotografie-Studium begonnen. In Deutschland schließlich bewarb Sie sich um einen Platz als Kommunikationsdesignerin und entschied sich, das Studium auf der „Folkwang Universität der Künste“ in der Kulturhauptstadt Essen anzunehmen. Nebenher war Sie als freiberufliche Fotografin tätig und hat für diverse Klienten Bilder aufgenommen. Für Ihre Diplomarbeit verband Sie Ihre Leidenschaft für das Fotografieren mit der Idee, die Wahrnehmung des Kopftuchs, gewissermaßen durch Verschleierung, zu entschärfen.

Das Projekt Çapraşık / Verwickelt

Das Konzept für Ihre Diplomarbeit war simpel und trotzdem komplex. Ayse Tasci suchte nach verhüllten Türkinnen aus dem Alltag und fotografierte Sie dabei so, dass das Kopftuch zum zentralen Bestandteil der Komposition avanciert und das Gesicht nahezu komplett ausgeblendet wird. Die Intention der Fotografin wirkt dabei, je nach Blickwinkel, provokativ, paradox und objektiv zugleich – das Kopftuch wird enthüllt, während das Gesicht verschleiert wird. Dadurch erreicht Sie eine Desensibilisierung des Objekts und weckt die Neugierde auf die Person unter dem Tuch.

Çapraşık bedeutet im Türkischen „verwickelt, unübersichtlich, verworren„. Und genau so gestaltete sich die Suche nach den passenden Modellen für Ihr Projekt. Bei den Frauen für Ihre Fotoserie handelt es sich um Personen aus dem Alltag, die sich häufig unsicher oder gar verängstigt zeigten. Denn für viele ist das Kopftuch ein traditionelles Merkmal der Intimität, dessen „öffentliche Zurschaustellung“ ein Bruch der Privatsphäre gleichkommt. So musste Ayse Tasci reichlich Aufklärungsarbeit leisten, um die Hauptakteure von Ihrer Idee zu überzeugen. Schließlich fand Sie die Protagonistinnen, mit der Sie die passenden Posen herausarbeiten konnte, um die Inszenierung zu perfektionieren.

Herausgekommen sind abwechslungsreiche Portraits von Frauen, die die allgemeine Wahrnehmung des Kopftuchs bewusst nicht verdrängen, sondern aufarbeiten, justieren und den Betrachter zum Nachdenken animieren. Während einige der Bilder das klassiche, alltägliche Erscheinungsbild von „typischen“ Kopftuchträgerinnen vermitteln, verleiten andere wiederum den Betrachter zu Aussagen über den Gefühlszustand der Figuren und verwickeln sie in die eigenen Gedanken. Das Resultat ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Assoziationen – nachdenklich oder niedergeschlagen, heilig oder unterdrückt, frei oder gefangen?

Das Ziel, eine kritische Auseinandersetzung zu forcieren, hat Ayse Tasci erreicht. Ihre Bilder wurden im Oktober 2011 in der St. Theodor Kirche in Köln ausgestellt. Ab Mai 2012 kann man Ihre Arbeiten im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe bewundern, die Ihre Fotoserie für eine Dauerausstellung gekauft hat.

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