Calligraffiti – Kalligrafie des 21. Jhdt.

Calligraffiti – Kalligrafie des 21. Jhdt.

Der Künstler Hassan Massoudy bezeichnete einst die arabische Kalligraphie und Graffiti als „zwei Töchter der gleichen Eltern„, weil sie miteinander verbunden und in Beziehung zueinander stehen. Calligraffiti ist das Ergebnis dieser logischen Evolution der beiden Kunstformen, die im gleichen Raum existieren.

Der Begriff „Calligraffiti“ wurde erstmals 2007 vom niederländischen Künstler Niels Shoe Meulman als Titel seiner Einzelausstellung erwähnt und hat sich seither als eine Symbiose aus Kalligraphie, Typograhie und Graffiti etabliert. Er beschreibt es als „traditionelle Handschrift mit einer metropoliten Haltung“ und als „eine Art, die Kunst der Straße in das Innere von Museen, Galerien und Wohnungen zu transportieren„. Die Ursprünge finden wir jedoch im Nahen Osten der 1960er und 1970er Jahre mit der Einführung der Hurufiyya-Bewegung in der arabischen Welt und der Saqqakhaneh-Bewegung im Iran.

Kalligrafie des 21. Jhdt.

Die Ausbreitung und Entwicklung der Kalligraphie kann sehr spezifisch in der gesamten islamischen Geschichte verfolgt werden, da sie inhärent mit dem Islam selbst verbunden ist. Kalligraphie ist die Art und Weise, wie Schriftgelehrte den Koran transkribierten, um die Botschaft Allah’s und des Propheten Mohammed’s über die arabische Halbinsel hinaus auszubreiten. Es ist eine Kunstform, die seit weit über einem Jahrtausend perfektioniert wurde und nicht nur ein Mechanismus für die Ausbreitung des Islam, sondern auch ein Weg, um religiöse Kunst zu schaffen.

Nicht an die Ketten der Tradition gefesselt, aber immer noch verpflichtet

Janet Kozak
Während Graffiti im Nahen Osten kaum verbreitet war, fand es mit der zunehmenden Dissidenz gegen das Regime stärkeren Anklang besonders in der jüngeren Generation. Mit der ersten Intifada und dem libanesischen Bürgerkrieg explodierte die Graffiti Bewegung im Nahen Osten förmlich. Junge Straßenkünstler, die neben ihrer klassisch-islamischen Überzeugung geprägt waren vom Zeitgeist, erschufen ein neues, kulturelles Leitmotiv. Die logische Konsequenz war die Verschmelzung von Moderne und Tradition in eine völlig neuen Kunstform. Hassan Massoudy, Hossein Zenderoudi und Parviz Tanavoli gelten als einige der Pioniere der neuen Ära.

Heutzutage ist Calligraffiti stark von frühen islamischen Schriftstilen wie „Siyah Mashq“ oder „Kufi“ beeinflusst. Die Aktivistin Janet Kozak charakterisiert Calligraffiti Künstler des Nahen Ostens als „nicht an die Ketten der Tradition gefesselt, aber immer noch verpflichtet“, die „eine einzigartige Mischung aus traditionellen Skripten und Design, gemischt mit modernen Materialien und Techniken“ verwenden.

Hinter der Ästhetik

Calligraffiti war für Künstler im Nahen Osten eine Möglichkeit, die Region zurückzugewinnen und dennoch weiterhin in ihrer Kultur und Tradition verwurzelt zu bleiben. Vom Bürgerkrieg in Beirut über die palästinensischen Intifadas bis hin zu den arabischen Aufständen ist Calligraffiti zu einem Mechanismus für sozialen und politischen Protest geworden – wo Buchstaben zu Symbolen werden.

Eines der hervorstechendsten Merkmale des arabischen Frühlings war die Rückgewinnung des öffentlichen Raums. Calligraffiti war ein Mittel, der dies zu unterstreichen vermochte – eine urbane Kunst, die als Werkzeug dient, den Willen der Menschen durchzusetzen. Graffitis und Calligraffiti schmücken seit jeher die Wände der meisten großen Städte im Nahen Osten und repräsentieren die wachsenden politischen und sozialen Spannungen in der Region. Trotz der Behauptung der meisten Künstler, dass sie weder politische, noch soziale Akteure seien, hat ihre Kunst unweigerlich Auswirkungen – wie die saudische Künstlerin Rana Jarbou erklärt: „Worte sind Waffen„.

Zwischen zwei Welten

Viele Calligrafitti Künstler verwenden die arabische Schrift oder sind stark davon inspiriert. Auch außerhalb des Nahen Ostens fand die neue Kunstform viele Anhänger. Arabisches Calligraffiti etablierte sich zu einer kosmopolitischen Kunstform, die teilweise auf den Reichtum der arabischen Kalligraphie im Vergleich zu anderen Schriften zurückgeführt werden kann. Sie ist eine typografische Entscheidung vieler Künstler, die die Ästhetik neu erfinden wollen.

Die weitverbreitete Verwendung der arabischen Kalligraphie außerhalb des Nahen Ostens ist ein Ergebnis der politischen und sozialen Dynamik. Viele Künstler verwenden Calligraffiti, um sich mit ihrer kulturellen und historischen Identität, die sie verloren geglaubt haben, wieder zu verbinden, während Andere neue Identitäten erschufen.

Kolonialisierung und Einwanderung haben bei vielen Menschen zu einer Identitätskrise geführt. Der Künstler eL Seed erklärt, dass sein Stil aus dem Kampf heraus entstanden sei, sich anpassen zu wollen; das Gefühl, weder als Franzose, noch als Tunesier anerkannt zu werden. Das Erbe der Kolonialpolitik hat hybride Identitäten hervorgebracht, besonders in Europa. Es hat aber auch anderen Kulturen erlaubt, sich mit der nahöstlichen Lebensweise auseinanderzusetzen. So haben Künstler wie Julien Breton und L’atlas den arabischen Schriftstil für ihre Arbeiten übernommen. Künstler wie Aerosol Arabic oder Haji Noor Deen wandten sich der arabischen Calligraffiti zu, nachdem sie zum Islam konvertiert waren.

Letzte Aktualisierung am 16.12.2017 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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