Hacivat und Karagöz – Das türkische Schattentheater

Hacivat und Karagöz – Das türkische Schattentheater

Hacivat und Karagöz – Das türkische Schattentheater

Karagöz, übersetzt „schwarzes Auge“, ist der Held des türkischen Schattenspiels oder Theaters. Ungebildet, aber mit viel Einfallsreichtum übertrifft er unweigerlich seinen Freund Hacivat, der trotz seiner Ausbildung Karagöz nicht gewachsen ist. Jahrhundertelang unterhielt das Zill-i Hayal (imaginärer Schatten), wie das Schattenspiel in der Vergangenheit genannt wurde, das türkische Publikum. Manche glauben, dass das Stück nach der Eroberung der Mamelucken für den osmanischen Sultan Selim I. (1512-1520) in Ägypten uraufgeführt wurde. Laut dem türkischen Chronisten Evliya Celebi aus dem 17. Jahrhundert wurde Karagöz jedoch während der Regierungszeit von Sultan Bayezid I. (1389-1402) im osmanischen Palast uraufgeführt. Es ist bekannt, dass das Schattenspiel in der Öffentlichkeit und in Privathäusern zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert weit verbreitet war, besonders während des Monats Ramazan bei nächtlichen Aufführungen in den Kaffeehäusern. Die Legende schreibt den Charakter von Karagöz einer realen Person zu, die während der Herrschaft von Orhan Bey (1324-1360) lebte.

Wer sind Hacivat und Karagöz

Das Karagöz-Theater leitet seinen Namen von seinem Hauptspieler ab. Es heisst, dass in der damaligen osmanischen Hauptstadt Bursa eine Moschee gebaut wurde und zwei Arbeiter, Karagöz und Hacivat, ihre Kollegen mit humoristischen Einlagen von ihrer Arbeit ablenkten. Infolgedessen dauerte der Bau der Moschee länger als erwartet und als der wütende Sultan von ihren Machenschaften erfuhr, ließ er beide hinrichten. Das Komödiantenpaar wurde jedoch so sehr von den Stadtbewohnern vermisst, dass ein Mann namens Seyh Kusteri Bilder der beiden malte und begann, Puppenspiele zu organisieren. Karagöz vertrat dabei den gewöhnlichen Mann auf der Straße, offen und vertrauenswürdig. Er ist Analphabet, in der Regel arbeitslos und stets auf der Suche nach Geld, um Unternehmungen zu finanzieren, die niemals funktionieren. Er ist neugierig, taktlos, oft betrügerisch und neigt zu unzüchtigem Gerede. Wie sein europäisches Pendant Punch greift er oft zur Gewalt und schlägt seinen Freund Hacivat und andere Charaktere im Spiel.

Entgegen der Annahme, handelt es sich beim Karagöz-Theater nicht um ein klassisches Schattenspiel. Tatsächlich sind die Puppen halbtransparent und farbig. Durch das einfallende Licht von einer Lampe hinter der Bühne, werden die Charaktere auf einen Musselinvorhang refklektiert, welches mit Blumen ausgeschmückt ist. Den Vorhang bezeichnet man als Ayna (Spiegel) und das Licht als Sem’a (Kerze). Letztere besteht aus einer Öllampe mit einem in Bienenwachs getränkten Docht aus Baumwolle oder Schnur. Die Puppen sind aus Kamel- oder Wasserbüffelhaut gefertigt. Die Haut der Puppen wird mit einem speziellen Messer in die gewünschte Form geschnitten und mit pflanzlichen Pigmenten bemalt. Die Puppen sind normalerweise 35-40 cm hoch.

Aufbau und Charaktere im Karagöz-Theater

Das Karagöz-Theater besteht aus vier Teilen; Mukaddime, Muhavere, Fasil und Bitis. Die Mukaddime oder Einführung beginnt immer mit Hacivats Eintritt im Rhythmus des Tamburins. Singend betritt er die Bühne, als Semai benannt, welches sich bei jeder Aufführung vom vorherigen unterscheidet. Nachdem er ein Gebet gesprochen hat, erklärt er, dass er nach einem Freund suche und ruft Karagöz in einer Rede auf die Bühne, die stets mit den Worten „Oh, zur Belustigung“ endet. Karagöz tritt auf der gegenüberliegenden Seite ein und die Geschichte beginnt, welches immer einen Schlagabtausch inne hält.

Weitere Charaktere sind der Trinker Tuzsuz Deli Bekir, der langhalsige Uzun Efe , der Opiumabhängige Kanbur Tiryaki, der exzentrische Zwerg Alti Karis Beberuhi , der schwachsinnige Denyo, der Verschwender Civan sowie Nigar, die stets auf Männerjagd ist. Die Besetzung einiger Aufführungen können auch Tänzer, Djinns, Hexen und Monster, sowie namenlose Charaktere wie den Araber (ein Süßwaren-Verkäufer oder Bettler, der kein Türkisch spricht), die afrikanische Dienerin, das tscherkessisches Dienstmädchen, den albanischen Wächter (laut und unverschämt), den Griechen (normalerweise ein Doktor), den Armenier (Lakaie oder Geldwechsler), den Juden (Goldschmied oder Schrotthändler), den Lasen (Schiffer) oder den Perser (Dichter mit aserbaidschanischem Akzent).

Es gibt nur einen Puppenspieler, bekannt als Karagözcü, Hayali oder Hayalbaz, unterstützt von einem Lehrling, der den Vorhang installiert und die Puppen in der Reihenfolge ihres Erscheinens einbringt. In der Vergangenheit wurde der Lehrling von dem Sandikkar unterstützt, der für die Truhe mitsamt der kompletten Ausrüstung verantwortlich war. Die Lieder wurden von einem weiteren Mitglied des Teams, dem Yardak, gesungen während das Tamburin von den Dairezen gespielt wurde. Vor dem Aufkommen von Kinos und dem Radio war das Karagöz-Schattenspiel eine der beliebtesten Unterhaltungsformen in der Türkei.

Der Abschluss eines jeden Stückes ist kurz und endet üblicherweise in einem Streit zwischen Karagöz und Hacivat, mit den Worten: „Sie haben den Vorhang fallen lassen, Sie haben es ruiniert!“ – worauf Karagöz antwortet: „Mögen meine Übertretungen vergeben werden„.

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