Von der Eheschließung

Von der Eheschließung

Die Ehe ist eine Verbindung, die seit frühester Zeit besteht und eine große Bedeutung für das menschliche Leben und die Gesellschaft hat. Die Ehe als Ausdruck ist eine fortwährende Vereinigung eines Mannes und einer Frau als Ehemann und Ehefrau unter allen Lebensbedingungen. Es ist die Grundlage der Familie, die wiederum der Eckpfeiler der Gesellschaft ist und universelle Bedeutung hat. Das „Gesetzt der Ehe“ unterliegt häufig bestimmten Regeln und Muster, die sich auf der ganzen Welt verändern und geprägt sind von verschiedenen kulturellen Traditionen und Bräuchen.

Sitten und Bräuche

In dieser Serie stellen wir euch einige der vielfältigen kulturellen Sitten, Bräuche und Traditionen vor.

Ehezeremonien beinhalten nicht selten eine Reihe von Vorbereitungen und Phasen, die zu der eigentlichen Handlung führen. Diese Phasen vereinen religiöse und sogar abergläubische Praktiken. In jeder Phase ist die Umsetzung einer Vielzahl von üblichen Praktiken, Bräuchen und Traditionen obligatorisch geworden, fast wie Regeln und Prinzipien, die diesen rituellen Akt regeln. Jede Gesellschaft hat in Übereinstimmung mit bestimmten Regeln und Praktiken, die ihrer Kultur entsprechen, ihre eigenen besonderen Wege entwickelt. Hier werden wir versuchen, die verschiedenen Phasen der Ehe mit ihren reichen Bräuchen in der Türkei zu erklären, indem wir sie entlang ihrer Hauptmerkmale und Aspekte verallgemeinern.

Verschiedene Arten der Ehe

In der Vergangenheit war die Ehe zwischen Verwandten, wie Cousins, in der Türkei nicht unüblich. Heutzutage wird diese Art der Ehe aufgrund der Auswirkungen der Verstädterung nicht mehr so ​​häufig praktiziert. Nach türkischen Überlieferungen, aber auch islamischer Ansicht, ist eine Eheschließung zwischen Personen, die von der selben Frau oder Amme gestillt wurden (sog. süt kardeşler oder „Milchgeschwister“) nicht gestattet. Ein Usus, der in der Türkei nicht ungewöhnlich war, da nicht selten Mütter aufgrund von Krankheiten oder anderen Gründen, insbesondere in ländlichen Gebieten, nicht stillen konnten.

Die folgenden Arten der Ehe finden heutzutage kaum noch statt:

Kız kaçırma – Mädchenentführung

Wenn die Familien der Ehe ablehnend gegenüberstehen, wird das Mädchen durch den Jungen entführt. Dies ist höchstwahrscheinlich auf sozioökonomische und andere Hindernisse der Familie des Mädchens zurückzuführen und geht einher mit dem sog. Başlık parası („Kopfgeld“ oder Mitgift).

Oturak alma – Platz nehmen

Findet die Entführung des Mädchens in gegenseitigem Einvernehmen statt, bezeichnet man dies als oturak alma. Das Mädchen zieht mitsamt ihres für die Ehe gesammelten Guts in die Wohnung des Jungen ein.

Başlık parası – „Kopfgeld“ oder Mitgift

Bezeichnet eine Ehe, die durch Gegenleistungen, etwa Geld, Immobilien oder Schmuck, für die künftige Braut zustande kommt. Diese Art der Vereinbarung fand in den östlichen und südöstlichen Regionen statt, existiert in der überwiegenden Mehrheit der türkischen Gesellschaft fast gar nicht mehr.

Beşik kertme – Krippen Ehe

Frisch geborene Kinder, die von ihren Familien versprochen oder „verlobt“ wurden. In der Vergangenheit wurde die Ablehnung der Ehe durch das Mädchen oder den Jungen, sobald sie das Heiratsalter erreicht hatten, als Schande für die Familie angesehen und konnte sogar blutige Familienfehden verursachen. Diese Art der arrangierten Ehe ist heute fast ausgestorben.

Tay geldi  – Patchwork Ehe

Entspricht einer Patchwork-Familie und betrifft vor allem verwitwete Ehepartner. Die Kinder, die in die Ehe eingebracht wurden, bezeichnete man als tay geldi.

Kuma getirme – Nebenfrau

In der Vergangenheit wurden in manchen Regionen die Ehe mit mehr als einer Frau zur gleichen Zeit (Polygamie) praktiziert, obwohl sie gesetzlich verboten und strafbar war. Dies traf zu etwa wenn eine Frau keine Kinder bekommen konnte oder krank wurde.

Berder oder „değiş-tokuş, değişik“ – Austausch, Wechsel

Zwei Familien verheiraten ihre Tochter und ihren Sohn mit dem Sohn und der Tochter einer anderen Familie. Solche Ehen sollen die Problematik des Başlık parası lösen und werden fast ausschließlich in Ost- und Südostanatolien angewendet.

Levirat – Heirat mit der Frau des verstorbenen Bruders

Auf diese Art von Ehe trifft man ebenfalls in den östlichen und südöstlichen Regionen. Sie entspringt dem Verständnis, die Familienehre zu schützen. Die Ehefrau des verstorbenen Bruders wird mit dem allein stehenden Bruder verheiratet.

Sorarat – Heirat mit Schwägerin

Hierbei handelt es sich um eine seltene kulturelle Tradition. Der verwitwete Ehemann wird mit seiner Schwägerin verheiratet. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, dass die Schwägerin bereits einen Draht zu den Waisenkindern habe und sie dementsprechend effektiver und toleranter erziehen könne.

İç güveyi – innere Bräutigam

In dieser Ehe lässt sich ein Mann in dem Haus nieder, in dem seine Frau lebt. Diese Art von Arrangement findet in der Regel immer dann statt, wenn der Bräutigam nicht in der Lage ist Başlık parası abzuführen.

Görücülük: arrangierte Ehen

In größeren Städten der Türkei, wo sich die kulturellen Veränderungen beschleunigt haben, treffen sich die Menschen am häufigsten persönlich und entwickeln eine direkte Beziehung.

In traditionellen Regionen beginnt der Prozess, der zu einer Ehe führt, mit der Suche eines passenden Mädchens. Familien, die ihre Söhne verheiraten wollen, sehen sich nach Mädchen um; beginnend bei ihren Verwandten, Nachbarn und engen Freunden. Sie werden bei dieser „Suche“ von ebenjenen unterstützt.

Görücülük“ ist immer noch die wichtigste Art der Interaktion, die Ehen von eher traditionellen Gemeinschaften und in ländlichen Gebieten ermöglichen. Dabei treffen sich mehrere Frauen einer Familie oder Freunden und tauschen sich nach geeigneten Mädchen aus. Werden sie fündig, besuchen sie die Familie zunächst inoffiziell und offenbaren ihre Absichten. Dieses Verfahren bezeichnet man als „kız bakma„, „görücü çıkma“ oder „dünür gezme“ (zu deutsch, das Mädchen besichtigen). Fällt das Urteil positiv aus, wird der Familie der möglichen Braut Zeit eingeräumt, um sich über den Bräutigam in spe zu informieren. Sofern die Zustimmung beider Familien erfolgt ist, endet der Görücü-Prozess und es obliegt nun der Familie des Jungen, um die Hand des Mädchens in die Ehe zu bitten. Dabei wird darauf geachtet, von allen Seiten respektierte Personen zu den Besuchen mitzunehmen, um Sicherheit und Vertrauen aufzubauen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mehrere solcher Besuche vonnöten sind, bis die Familie des Mädchens zustimmt.

Söz kesmek: Vereinbarung

Wenn beide Parteien einverstanden sind, wird die Vereinbarung zu heiraten (söz kesimi) getroffen, die für gewöhnlich in einem großen Kreis stattfindet. Die Verlobung wird vervollständigt, indem ein Ring und ein besticktes Kopftuch angebracht werden, das von der Familie des zukünftigen Bräutigams gekauft wird. In einigen Regionen wird „Söz kesimi“ auch als kleine Verlobungszeremonie bezeichnet. Ein von der Familie des zukünftigen Bräutigams gebrachtes süßes Dessert (ağız tatlılığı) wird unmittelbar nach der Zustimmung beider Parteien an die Gäste verteilt. Noch heute ist in einigen Regionen der zukünftige Bräutigam zum Zeitpunkt dieser Zeremonie nicht anwesend.

Entsprechend der Haltung des Vaters der zukünftigen Braut, küssen Bräutigam und Braut die Hände der älteren Gäste. Somit ist die Zeremonie zur Eheschließung abgeschlossen.

Nişan töreni: Verlobung

Die Verlobungszeremonie findet für gewöhnlich im Hause der Braut statt. Die Kosten für die Feier werden in einigen Regionen von der Familie des Bräutigams übernommen, in den meisten Fällen aber von der Familie der Braut.

In den traditionellen Teilen der Gemeinschaft sitzen Frauen und Männer getrennt im Haus der Braut. Nach dem Mittagessen erhält die Braut in einem speziellen Verlobungskleid Schmuck-Geschenke von den Verwandten des Bräutigams. Dieser Usus wird als „Takı“ bezeichnet. In manchen Gegenden begibt sich der Bräutigam nicht in das Haus der Braut. In diesem Fall überbringt eine dem Bräutigam angehörige Frau den Verlobungsring. Ist der Bräutigam anwesend, werden die Ringe von einem älteren Mann (etwa dem Dorf- oder Familienältesten) an die Ringfinger der rechten Hand in Begleitung von Gebeten und Wünschen angesteckt.

Für die Dauer des Verlobung gibt es keine eindeutige Regel. Es kommt vielmehr auf die Zustimmung beider Seiten an. Während es selbstverständlich ist, dass sich verlobte Paare in moderneren Gemeinschaften untereinander treffen, sind sie bei traditionellen, ländlichen Gemeinschaften nur mit der Erlaubnis der Eltern gestattet und normalerweise nur in Begleitung eines Familienmitglieds. Das Auflösen einer Verlobung wird als eine ernste Angelegenheit angesehen und ist in traditionellen Kreisen verpönt. Wenn die Braut die Verlobung beendet hat, müssen alle Schmuckstücke dem ehemaligen Verlobten zurückgegeben werden. Wenn der Mann die Verlobung aufhebt, behält seine ehemalige Verlobte die Geschenke.

Düğün: die Hochzeit

Hochzeiten heutzutage werden eher nach westlichen Stil abgehalten – mit Bankett und Empfang, der Familie und Freunde des Paares vereint. Traditionelle Hochzeiten gestalten sich etwas anders. Grundsätzlich erfordern alle Ehen eine standesamtliche Trauung, die von einem Gemeindebeamten zwecks Rechtswirksamkeit durchgeführt und protokolliert wird. In vielen Fällen geht die religiöse Zeremonie der standesamtlichen Trauung um einige Tage voraus.

In traditionellen Umgebungen finden Trauungen in der Regel von Dienstag bis Donnerstag oder von Freitag bis Sonntag statt. Die Hochzeitskosten werden von der Familie des Bräutigams übernommen. Abgesehen von regionalen Abweichungen sind traditionelle Hochzeiten durch folgende Phasen gekennzeichnet: das Aufstellen einer Hochzeitsfahne (bayrak dikmek), der Henna-Abend (kına gecesi), das Abholen der Braut (gelin alma) und der Schleier der Braut (duvak).

Vor der Hochzeit werden formelle Einladungen an Familie, Freunde und Nachbarn verteilt. Während die Familie der Braut den çeyiz, die Aussteuer, vorbereitet, versucht die Familie des Bräutigams, Geschenke für die Braut zu finden, die ihr vor, während und nach der Hochzeit präsentiert werden.
Eine Hochzeitsfahne wird nach dem Mittagsgebet im Hause des Bräutigams aufgestellt und signalisiert den offiziellen Charakter der Hochzeit. In einigen Regionen werden Äpfel, Zwiebeln, Spiegel usw. auf die Fahne gelegt.

Kına Gecesi: der Henna-Abend

Eine traditionelle Version und vielleicht Vorläufer der Junggesellenabschiedsparty. Die Nacht vor der Hochzeit ist für die Braut reserviert, um ihre letzte Nacht im Haus ihrer Familie in der Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu verbringen, die der Familie des Paars nah sind. Diese Zeremonie erhielt ihren Namen „Kına Gecesi“ (Henna-Nacht) von der Tatsache, dass die Hände der Braut mit Henna geschmückt werden. Auch die weiblichen Verwandten des Bräutigams nehmen an dieser Veranstaltung teil und werden im Haus der Braut untergebracht.

In der Regel wird trockenes Henna, das die Familie des Bräutigams mitgebracht hat, von einer Frau, deren Vater und Mutter noch am Leben sind, in einem Silber- oder Kupfergefäss in Stücke zerbrochen. Nach der Vorbereitung der Braut wird ein mit roten Flocken geschmückter Schleier über ihren Kopf gelegt und sie wird, begleitet von Liedern, unter die Gäste gebracht. Hände und Füße der Braut sind mit Henna gefärbt. Familie und Verwandte des Bräutigams sind verpflichtet der Braut Goldmünzen in die Hand zu legen. Henna-Farben und -Typen unterscheiden sich je nach Regionen, etwa die „iplik kınası“ (Henna für Garn), die „sıvama“ (schmierend) oder der „kuşgözü“ (Vogelauge).

Die Zeremonie selber hat meistens einen eher traurigen oder melancholischen Charakter, da Verwandte der Braut, besonders ihre Mutter, die Abreise der Tochter aus dem Elternhaus beklagen. Nicht selten wird sie aber gefolgt von freudigem Gesang und Tanz. Nachdem die Gäste sich verabschiedet haben, ist es nicht ungewöhnlich, dass die engsten Freunde der Braut bis zum nächsten Morgen bei ihr bleiben und ihre letzten Stunden als Single zusammen verbringen. In einigen Regionen wird eine ähnliche Zeremonie für den Bräutigam von seinen Freunden in dessen Haus organisiert.

Gelin Alma: das Abholen der Braut

Am folgenden Tag wird die Braut abgeholt. Dieser Brauch wird als „gelin alma“ (Braut abholen), „kız alma“ (Mädchen abholen) oder „gelin götürme“ (Braut tragen) bezeichnet. An diesem feierlichen Akt kann jeder teilnehmen. Die Gäste holen die Braut entweder zu Fuß oder mit dem Auto ab. In einigen Regionen darf der Bräutigam die Kolonne nicht begleiten. Fast immer sind Musiker anwesend, die mit Davul (eine Trommel) und Zurna (ein Doppelrohrblatt-Instrument) für Stimmung sorgen.

In einigen Regionen wird die Braut von älteren Frauen, sog. yenge, vorbereitet. Heutzutage werden die Bräute in einem Schönheitssalon hergerichtet. Anschließend macht sich die Kolonne mitsamt Braut und Bräutigam auf den Weg zum Hause des Bräutigams. Bevor sie ihr Heim verlässt, wird ein sog „Mädchengürtel“ (bekaret kuşağı) -meist ein rotes Band – von ihrem Bruder oder einem nahen Verwandten um die Taille der Braut gebunden und schließlich verabschiedet. Um die Situation aufzulockern, wird das Öffnen der Türe von einem männlichen Verwandten der Braut blockiert oder ein jüngerer Bruder setzt sich auf den çeyiz sandık (eine hölzerne Truhe, in der die Aussteuer aufbewahrt wird). Gegen ein kleines Entgelt durch Angehörige des Bräutigams darf die Braut schlussendlich das Haus verlassen.

Nach einer Rundreise durch das Dorf, begleitet von Davul und Zurna, wird die Braut von der Schwiegermutter vor der Haustür mit Geschenken begrüßt und vom Bräutigam in das neue Heim geführt. Kurze Zeit später wird er bis spät in die Nacht von seinen Freunden entführt und für die Hochzeitsnacht vorbereitet. Nach dem Nachtgebet (Yatsı Namazı) in der Moschee trennen sich die Freunde und eine letzte religiöse Hochzeitszeremonie durch den Hoca (Prediger) durchgeführt. Nach der Zeremonie dürfen Braut und Bräutigam die Hochzeitskammer betreten.

Gerdek: die Hochzeitsnacht

Für gewöhnlich geleitet eine Frau älteren Semesters das Brautpaar in die Hochzeitskammer und bittet sie, sich die Hände zu halten. Der Bräutigam führt sein rituelles Gebet durch und öffnet dann den Schleier, um ihr Gesicht zu enthüllen. Sie essen gemeinsam ein Gericht, das die Familie der Braut vorbereitet hat, bevor sie die Ehe vollziehen und die Hochzeit somit seinen krönenden Abschluss findet.

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